Zur philosophischen Bedeutung der Angst

Angst oder Furcht, Furcht oder Angst?

Im alltäglichen Sprachgebrauch werden die Begriffe Angst und Furcht meist synonym verwendet. Vor einem drohenden Unwetter Angst haben oder sich vor Einsamkeit fürchten – jeder versteht, was damit gemeint ist. Strenggenommen ist es dennoch nicht ganz richtig, und es müsste hier eigentlich heißen: Vor Einsamkeit Angst haben oder sich vor einem drohenden Unwetter fürchten. In psychologischer Hinsicht bedeuten Furcht und Angst etwas völlig verschiedenes.  Furcht ist immer auf ein konkretes Objekt, eine gegenwärtige oder vorausgeahnte Gefahrenquelle bezogen. Furcht ist zeitlich begrenzt, verschwindet also wieder, wenn die Bedrohung nicht mehr vorliegt. Furcht hat einen rationalen Gehalt. Anders verhält es sich mit der Angst: Sie ist im Gegensatz dazu auf kein bestimmtes Objekt bezogen, bezeichnet eine alles durchdringende Unruhe, ist zeitlich nicht eingrenzbar, und verschwindet auch nicht so leicht. Angst hat einen irrationalen Gehalt.  Ihre Ursachen liegen vor allem in der psychischen Konstitution des Individuums. Im ungünstigen Fall, wenn die Angst  pathologisch wird, landete man im Behandlungszimmer eines Psychiaters oder auf der Couch eines Psychologen. Dann gilt es, die Angst mit allen Mitteln zu bekämpfen, hindert sie doch den Betroffenen daran, sein Leben in gewohnten Bahnen zu lenken. Doch ist es möglich, in der Angst mehr als einen nur krankhaften Zustand zu sehen? Kann es sein, dass die Angst auch als ein Mittel zur Selbsterkenntnis dienen kann?

Angst als Grundstimmung menschlicher Existenz

Es war Sören Kierkegaard (1813 – 1855), der den Begriff „Angst“ in die moderne Philosophie einführte. Nach Kierkegaard ist es besonders die menschliche Freiheit und damit die Möglichkeit zur Selbstgestaltung, die grundsätzlich mit Angst verbunden ist. Den Menschen sah er  als ein Wesen, das sich vor seinen eigenen Möglichkeiten ängstigt und damit vor einem Schuldigwerden an sich selbst. Kierkegaard versucht die Angst zu überwinden durch einen Sprung in den Glauben. Eine Generation später wird Martin Heidegger (1889 – 1976), der sich zum Teil auf Kierkegaard stützt, dessen theologische Deutung jedoch ablehnt, die Angst zu einer Grundbefindlichkeit menschlicher Existenz erklären. Der § 40 von Heideggers Hauptwerk „Sein und Zeit“ (1927) ist ganz der Analyse der Angst gewidmet. Auch hier wird zunächst einmal scharf zwischen Furcht und Angst unterschieden. Fürchten kann man sich auch bei Heidegger nur vor den Dingen, die einem in der Welt begegnen. Die Angst dagegen ist überhaupt nicht von dieser Welt. Sie gründet im Nichts, überfällt grundlos, zieht uns den Boden unter den Füßen weg. Diese, existenzielle Angst, darf denn auch nicht mit einem pathologischen Zustand verwechselt werden, den man mehr oder weniger erfolgreich therapieren kann. Gerade in ihrer Unbestimmtheit, darin, dass sie kein konkretes Objekt zum Inhalt hat, sprachlich nicht zu fassen ist, sprachlos macht, ist die Angst eine ausgezeichnete, das heißt vor allen anderen ausgezeichnete Stimmung. Konsequenterweise bleibt Heidegger deshalb auch unbestimmt, wenn er sagt: „Das Wovor der Angst ist die Welt als solche.“  Wer Angst hat, dem vermag die Welt nichts mehr zu bieten, weder die Dinge noch andere Menschen. Die Angst geht uns an, sie reißt uns heraus aus dem alltäglichen Treiben, macht uns die Welt und unser Dasein fragwürdig. Erst die Angst wirft den Menschen zurück auf sich selbst.

Die Angst als ausgezeichnete Möglichkeit

Vorab sei an dieser Stelle nur erwähnt, dass für Heidegger die Angst auf den Tod verweist, nicht in dem Sinne von existenzieller Angst (Todesangst), sondern in dem Sinne, dass in der Angst der Tod als letzte, finale Möglichkeit durchschimmert. Dass die Angst den Menschen zurückwirft auf sich selbst, macht sie für Heidegger geradewegs zu einer ausgezeichneten Stimmung, zu einem quasi positiven Zustand. Denn erst die Angst ermöglicht es dem Dasein, sich seiner Verlorenheit an die Welt  überhaupt bewusst zu werden. Dieser eigentümliche Gedanke lässt sich vielleicht besser vor dem Hintergrund verstehen, dass Heidegger unterstellt, der Mensch existiere die meiste Zeit seines Lebens eben nicht als er selbst, sondern unterwerfe sich unterschwellig dem Diktat der Öffentlichkeit, die ihm vormacht, vorlebt wie zu leben ist. Vereinfacht gesagt: Der Mensch verfügt zwar – dadurch unterscheidet er sich wesentlich von den übrigen Lebewesen –  über einen freien Willen und damit über die Fähigkeit, sich auf eigene Möglichkeiten (Weisen zu sein) hin zu entwerfen.

Wenn ich könnte, wie ich wollte….

Wir alle kennen dieses Gefühl: Wir wachen jeden Morgen auf, gehen hinaus in die Welt, tun dies und das, und irgendwann fragen wir uns: Wollte ich es so? Entspricht dieses Leben, das ich führe, wirklich meinen eigentlichen Möglichkeiten, Wünschen und Vorstellungen? Oder ist es nicht vielmehr so, dass ich zumeist das tue, was die Anderen von mir erwarten? Die Anderen, dieses Neutrum (Heidegger nennt sie das „Man“), nicht greifbar und trotzdem stets anwesend. Erkenntnis: Ich muss etwas ändern, muss endlich das tun, was…..! Nutzlos: Schon sind sie wieder da, diese Nichtgreifbaren. Schlüssige Argumente, handfeste Gründe werden vorgebracht, warum das, was ich sein will, nicht geht, warum es besser ist, dass….!

Und  so bleibt alles wie es ist!

 Freiheit und die Angst vor der Freiheit

Dieses Phänomen ist aber  allem Anschein nach nicht nur rein negativ zu bewerten. Die Zerstreutheit in die Welt hat für das Individuum auch eine entlastende Funktion. Es bietet ihm eine gewisse Sicherheit davor, sich selbst ausgeliefert zu sein. Erst die Angst entlarvt diese vermeintliche Sicherheit: Die Angst vereinzelt radikal, negiert das Neutrum, das „Man“, die Öffentlichkeit, und ruft dazu auf, die eigene Freiheit des „Sich selbst Wählens“ zu ergreifen.

Was heißt das? Lassen sich daraus irgendwelche praktischen Anleitungen bezüglich eines gelingenden Lebens ableiten? Nicht für Heidegger: Er gibt keine Ratschläge – es wäre ein Widerspruch in sich – hinsichtlich der Frage: Was soll ich tun? Man muss es selbst herausfinden, und man braucht Mut – Mut zur Angst – Mut zu sein!

Angst und Freiheit

Des Pudels Kern – Einsichten in Schopenhauers Welt

Illusionen haben, sie wieder verlieren, desillusioniert sein, sich keine Illusionen mehr machen. Im gewöhnlichen Sprachgebrauch bereitet die Verwendung  des Begriffs „Illusion“ meist keine  Schwierigkeiten Wir sprechen gewöhnlich von Illusionen, wenn sich herausstellt, dass unsere Vorstellungen von der Welt, den Dingen und Menschen einschließlich unserer selbst nicht mit der Realität übereinstimmen. Wir haben uns getäuscht, uns täuschen lassen – die Welt ist nicht das, was der Fall ist. Komplizierter wird die Sache, wenn sich die Philosophen dieses Themas annehmen.  In diesem Fall geht es selbstverständlich immer um das Grundsätzliche, und die Frage lautet jetzt: Was ist überhaupt der Fall, und wie können wir uns da jemals sicher sein? Können wir mit den beschränkten Mitteln unserer Erkenntnis die Welt und die darin vorkommenden Dinge wirklich erkennen? Begegnet uns das Seiende so wie es ist, oder erscheint es uns nur in einem bestimmten Licht und täuscht uns über sein wahres Wesen hinweg, ist raffiniertes Schauspiel, schlicht Illusion? Hat sich aber erst einmal der Zweifel eingeschlichen an dem, was ist, kann dies, auf die Spitze getrieben, auch dazu führen, das Ganze in Frage zu stellen. Für einen radikalen Skeptiker wie Schopenhauer war denn auch die Sache ohne Zweifel klar: Die ganze Welt ist nichts als bloße Illusion.  In seinem Hauptwerk „Die Welt als Wille und Vorstellung“ (1819) entfaltet Schopenhauer die Idee von einer Welt als Vorstellung „für mich“ und einer Welt als Wille „an sich“. Die Welt ist nicht mehr als bloße Vorstellung der Sinne. Und diese täuschen uns nur allzu oft. Deshalb können wir nichts über das wahre Wesen der  Dinge wissen. Anders verhält es sich mit dem Willen:  Diesen Willen führen, erfahren wir unmittelbar in uns, in unserem Körper. Immer, wenn wir etwas wollen, und wir wollen ständig etwas, waltet dieser Wille in uns, objektiviert sich in uns, und nicht nur in uns. Der Wille ist die treibende Kraft des Seins, das Prinzip der Welt, ohne Sinn, ohne Ziel, er ist das einzig Reale. Alle Dinge, die als Vielheit wahrgenommen werden, sind bloße Erscheinungsformen dieses einen Willens, sind somit nichts als bloße Illusion. Damit ließe sich vielleicht noch ganz gut leben. Doch Schopenhauer macht in seiner Radikalität auch vor unserem Selbstverständnis als Person nicht halt: Das autonome Subjekt, Vernunft, freier Wille, dazu Gefühle wie Liebe, Glück, Hoffnung, sind lediglich Schimären im Dienst des einzigen, blind wütenden Willens. In der Welt sein heißt, leiden, ausgesetzt sein dem ewigen Kreislauf aus Werden und Vergehen, und niemand kennt die Antwort auf die Frage: Wozu das alles? Schopenhauer, der sich viele Jahre mit indischer Philosophie beschäftigt hat, greift hier in seinem Konzept wesentliche Elemente im Denken der alten Inder auf, für die die äußere Welt ebenfalls nur  Maya (Illusion) ist, und die es zu überwinden gilt, vorrangig durch das Einüben asketischer Techniken. Folgerichtig empfiehlt auch der Buddha aus Frankfurt, wenn schon nicht totale Askese, dann wenigstens diesem Willen eins auszuwischen und seine Macht zu beschränken. Der Mensch muss reines, willenloses Subjekt der Erkenntnis werden und eine kontemplative Haltung zum Weltgeschehen einnehmen. Eine besondere Rolle spielt dabei die Kunst. Denn Kunst, das Werk des Genies, ist die Betrachtung der Dinge,  ist unabhängig von Kausalität, ist unabhängig vom Willen. Erst wenn ich nichts mehr will, absichtslos existiere, kommt auch dieser Wille in mir zur Ruhe.

Man muss zugeben, dass dieses Gedankenkonstrukt hinsichtlich einiger Aspekte, durchaus eine gewisse Attraktivität ausstrahlt. Alles in allem wird man aber trotzdem das Gefühl nicht los, hier sei einer weit über das Ziel hinausgeschossen und habe mit einem Schlag all das zur Illusion erklärt, von dem wir glauben, dass es im wesentlichen unser Menschseins ausmacht. Wie sollte man auch leben, würde man beispielsweise die Vorstellung von sich als einem autonomen Subjekt, ausgestattet mit Verstand und einem freien Willen (Gruß an die Hirnforscher), aufgeben? Selbst wenn sie sich, wissenschaftlich bewiesen, was immer das heißt, als Illusion erweisen würde, müssten wir doch an ihr festhalten. Das ist die Realität.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Philosophische Praxis – Atelier der Lebenskunst

Neulich fragte mich jemand am Telefon, was denn genau der Gegenstand, das eigentliche Geschäft der Philosophie sei, und wozu sie nützt. Im ersten Moment war ich ein wenig um eine Antwort verlegen. Mir fiel Augustinus ein, der auf die Frage, „Was ist die Zeit?“, sinngemäß antwortete, dass er es nicht wisse, wenn man ihn danach fragt und es wisse, wenn man ihn nicht danach fragt. Doch diese Analogie wollte ich dem Anrufer nicht zumuten und beschloss, es stattdessen mit Kant zu probieren. Der weise Königsberger bestimmte das Wesen der Philosophie anhand seiner vier berühmten Fragen:

 

  1. Was kann ich wissen? ( Erkenntnis )
  2. Was kann ich hoffen? ( Religion )
  3. Was soll ich tun? ( Ethik )
  4. Was ist der Mensch? ( Anthropologie )

 

Zwischenzeitlich hatte jedoch der Anrufer schon wieder aufgelegt. Ich hatte mir wohl zu viel Zeit gelassen mit einer Antwort  -  und  sich Zeit zu nehmen, erscheint in der heutigen Zeit nicht mehr zeitgemäß. Eine der Gründe hierfür ist sicherlich die zunehmende Beschleunigung in fast allen Lebensbereiche ( nicht zuletzt durch die rasante Entwicklung im Internet und den Sozialen Netzwerken ), der wir anscheinend unentrinnbar ausgeliefert sind. Die wesentlichen Anforderungen an das Individuum der Gegenwart sind: schnelles Denken, Entscheiden und Handeln. „Multitasking“ heißt das neue Zauberwort, was vereinfacht gesagt nichts anderes bedeutet, als möglichst viele Dinge auf einmal zu erledigen, oder an möglichst vielen Orten -  wenigstens virtuell –  zugleich zu sein. Wir werden so immer mehr zu Getriebenen, zu Gefangenen einer Welt scheinbar unbegrenzter Möglichkeiten. Zum Philosophieren braucht man allerdings Zeit! Um den Raum für philosophisches Fragen zu öffnen, ist es nötig, sich selbst ein Stück aus der Welt, ihrem hektischen Treiben zurückzunehmen. Und damit zurück zu Kant: Obwohl man die vier genannten Fragen wohl niemals abschließend wird beantworten können, kann es sich dennoch lohnen, sich diese von Zeit zu Zeit vorzulegen, quasi als Basis, um das eigene Denken und Handeln zu reflektieren. Das kann man entweder im stillen Kämmerlein tun oder, wenn man tiefer ins Philosophieren eintauchen möchte, man kann eine Philosophische Praxis aufsuchen und einen „professionellen“ Philosophen konsultieren. In der Antike – zumindest in den aristokratischen Kreisen – gehörte es sogar zum guten Ton, sich mit einem “Berufsphilosophen” zu beraten,  wenn es um Fragen wie die  nach dem guten  Leben oder nach dem Sinn des Lebens ging.  Man denke an Seneca, den Berater Neros, oder Sokrates, der sich in den Straßen Athens herumtrieb, um die jungen Adligen  in philosophische Gespräche zu verwickeln.  Zugegeben: Ihr beider Ende ( sie wurden  zum Tode verurteilt ) war tragisch und zeigt vielleicht, dass Philosophieren unter Umständen auch gefährlich sein kann. Diese Gefahr besteht zum Glück heute nicht mehr. Allerdings gilt nach wie vor, dass derjenige, der sich auf den Weg der Philosophie begibt, niemals weiß, wo und ob er ankommen wird. Es ist somit die Aufgabe des philosophischen Beraters, dem Klienten von vornherein reinen Wein einzuschenken und ihn vor allzu großen Erwartungen zu warnen. Philosophische Praxis ist kein Heilskonzept. Philosophische Praxis darf auch nicht mit Psychotherapie verwechselt werden. Es geht hier nicht um die Behandlung vermeintlich „kranker“ oder „gestörter“ Menschen, sondern es handelt sich um einen Dialog zweier gleichberechtigter Partner. Im günstigen Fall gelingt es dem Klienten dadurch, gedankliche Klarheit über sich selbst und eine andere Perspektive auf sein Dasein in der Welt zu gewinnen, um auf dieser Grundlage Entscheidungen zu treffen und seine Existenz ( neu ) zu entwerfen.