Sophistereien 4.04.20

„Es gibt kein Recht auf Faulheit“, hatte Altkanzler Gerhard Schröder anno 2001 proklamiert. Anlass war ein versprengtes Häuflein SPD-Mitglieder, die es gewagt hatten, eine Art „Grundeinkommen“ für alle Bürger dieses Landes anzuregen als Alternative zu Arbeits- oder Sozialamt. Stattdessen erfanden Schröder und seine Genossen das Jobcenter, eine gigantische Behörde, die jedes Jahr Unsummen (zweistellige Milliardenbeträge) verschlingt und deren vornehmliche Aufgabe es ist, ihren Kunden (die nennen Arbeitslose wirklich Kunden) das Arbeiten mittels geeigneter Maßnahmen, natürlich auch mit Zwang schmackhaft zu machen. Der Gedanke, dass jemand den ganzen Tag auf dem Sofa liegt, während die anderen schuften, erschien einer Gesellschaft der Leistungsträger unerträglich. Ein liberaler Politiker wollte darin sogar Anzeichen spätrömischer Dekadenz erkennen. Man erfand sogar Arbeitsplätze, wo die Arbeitslosen das Arbeiten simulieren durften/mussten. Denn Arbeit stiftet Sinn im Leben. Wer nicht arbeitet, soll auch nicht essen! Doch nun, in Zeiten von Corona, ist alles anders. Es gibt jetzt quasi eine Pflicht zur Faulheit, wenigstens für die, deren Tätigkeiten nicht systemrelevant sind – und das sind offenbar viele. Die Kohorten von Beratern, Coaches, Versicherungsvertretern, Eventmanagern, Tourismuskaufleuten, Künstlern, Genderforschern etc. haben auf der heimischen Couch Platz genommen und gucken, um nicht in Depressionen zu verfallen, weil niemand nach ihnen fragt, den lieben langen Tag Netflixserien. Wer will denn schon einen dieser Schwätzer, Spaßmacher und Zeitvertreiber engagieren, wenn man dem Tod ins Auge blickt? Man wird also, nach der Krise, den Begriff des „Leistungsträgers“ völlig neu definieren müssen. Darüber könnten die zurzeit keine Leistung erbringenden Leistungsträger schon mal nachdenken

Sophistereien 28.03.20

Heidegger war der Überzeugung, dass es das Schlimmste für das Dasein sei, wenn es auf sich selbst zurückgeworfen werde, auf das nackte Das seiner Existenz. Deshalb flüchte es zunächst und zumeist vor sich selbst in die Zerstreuung durch das „Man“. Heidegger hatte natürlich noch nicht im Sinn, dass es einmal ein kleines Virus sein könnte, dass diese uneigentliche Existenzweise konterkariert. Zurückgeworfen auf uns selbst; das sind wir jetzt, eingesperrt von unserer Regierung in unsere Wohnungen und Häuser, selbstverständlich nur zu unserem Schutz, starren wir auf die Wände und denken an den Tod. Dasein ist sein zum Tode! Die Zerstreuungen, die die moderne Welt für das Dasein bereithält, stehen, bis auf das Internet, bis auf weiteres nicht zur Verfügung. Selbst der Zwang zur Selbstoptimierung fällt weg, da die Fitnessstudios geschlossen haben.  Unsere Umwelt- und Klimaschützer freuen sich, dass die Wirtschaft endlich stillsteht und viele Menschen (glücklicherweise vorrangig alte, weiße) durch Corona hinweggerafft werden. Die Rentenkassen werden entlastet. Es gibt wieder Wohnungen. Die Natur atmet auf. Gäbe es das Virus nicht, man müsste es erfinden.

Sophistereien 21.03.20

Der Virologe ist der Apokalyptiker von heute. Wie ein Virus überfällt diese Spezies das Land. Zu Hunderten strömen sie aus und verbreiten Panik, geistern durch die Talkshows und überbieten sich gegenseitig im Wettbewerb um die neuesten, größten Zahlen.  Szenarien werden entworfen, die an das Ende des 2. Weltkriegs erinnern, Millionen von Toten, der Zusammenbruch der Weltwirtschaft etc. Dabei beruhen ihre Annahmen lediglich auf Vermutungen. Am schwierigsten sind immer die Prognosen, die sich auf die Zukunft beziehen. Bis vor Kurzem haben diese Rolle noch die Klimaschützer gespielt, die ja ähnlich den Weltuntergang in absehbarer Zeit prognostizierten. Die Klimaschützer haben nun Pause, Greta macht Urlaub auf den Malediven, so lange es die noch gibt. Es scheint, als müsste der moderne Mensch von Zeit zu Zeit in kollektive Hysterie verfallen, sich lustvoll im Ausnahmezustand suhlen, um sich selbst zu beweisen, noch irgendwie am Leben zu sein. Endlich einmal palettenweise Klopapier kaufen, ohne für verrückt gehalten zu werden.